Seit meinem letzten Blogtext sind nun bereits etliche Wochen verstrichen. Wochen, die vollgepackt waren mit Terminen und To-Dos, aber auch mit Hochs und Tiefs und manchmal sogar dem Gefühl, nicht wirklich weiter zu wissen. Und in gewissen Momenten, wenn sich Ideen und Pläne zerschlugen und trotz verschiedener Anläufe keine Türen auftaten, dann konnten auch Fragen, Zweifel oder sogar eine leise Verzweiflung aufsteigen.
Unsere
innere Kritikerin – unsere vermeintliche Schutzpatronin
Insbesondere, wenn man sich in solchen emotionalen Tälern befindet, liegt die Versuchung nahe, sich noch zusätzlich eins über die Rübe zu hauen. So nach dem Motto, „Schau dir alle anderen an, die haben’s im Griff – was für eine Versagerin du doch bist!“
Was für eine fiese Masche unseres Gehirns! Denn tatsächlich handelt es sich bei solchen inneren Dialogen oftmals um nichts anderes als um unseren inneren Kritiker, unsere innere Kritikerin, die – vermeintlich – uns einen Gefallen tun möchte, indem sie uns auf Schritt und Tritt überwacht und uns vor Risiken und möglichen Fehlschlägen schützen möchte. Fehlschläge sind jedoch umso mehr zu erwarten, wie wir vom sicheren Lebenspfad abweichen und uns in unbekannte Gefilde begeben. Sich einen neuen Weg im Dickicht des Lebens schlagen? Eigentlich alles andere als das Vorgehen einer Versagerin, nicht wahr! Anstatt ob dieser abwertenden Stimme zu erschrecken und ihr alles kritiklos zu glauben, könnten wir also den Spieß umdrehen – und sie im Gegenteil als inneren Marker für äußere mutige Taten sehen. Dann könnten wir sie sogar freundlich begrüßen und uns über ihr Dasein freuen, so wie über Fieber bei einem Infekt oder über Muskelkater nach dem Fitnesstraining.
Resilienz: unsere innere Widerstandsfähigkeit
Was aber, wenn uns solche Gedanken nicht weiterhelfen? Wenn wir uns einfach nur traurig, einsam oder von allem
überfordert fühlen? Wenn uns die Dinge über den Kopf wachsen, ohne dass wir irgendwie besonders mutig oder erfinderisch unterwegs sind, weil uns das Leben Steine in den Weg legt? Für solche Situation wird in der Psychologie gerne von der sogenannten Resilienz gesprochen, also der Fähigkeit, die psychische Gesundheit aufrechtzuerhalten oder nach widrigen Umständen rasch wieder herzustellen. Mittlerweile gibt es eine umfangreiche Forschung dazu, was Resilienz ausmacht und welche Faktoren dazu beitragen, dass die einen Menschen psychisch widerstandsfähiger sind als andere. Das ist sicherlich hochinteressant und kann auch durchaus hilfreich sein – beispielsweise die Erkenntnis, welchen zentralen Unterschied das Vorhandensein einer einzelnen verlässlichen Bezugsperson in der Kindheit eines Menschen ausmacht. Woraus sich wiederum konkrete förderliche Interventionsmöglichkeiten ableiten lassen.
Die Forderung nach Resilienz – ein gesellschaftliches Feigenblatt?
Und trotzdem: Was ist nun, wenn ich weiterhin einfach nur traurig oder gar depressiv verstimmt bin? Wenn ich mich aus irgendeinem Grund handlungsunfähig oder hilflos fühle, sei dies in einer bestimmten Situation oder ganz generell in einem Lebensabschnitt? Wenn ich eben NICHT über die
gesellschaftlich erwünschte, geforderte Resilienz verfüge, um mich am eigenen Rockzipfel aus dem Sumpf herauszuziehen? Was dann? Ich finde es gerade in den heutigen Zeiten, da die Lokomotive der Individualisierung uns immer weiter in Richtung Selbstbestimmung und Selbstverantwortung fährt, besonders wichtig, den systemischen Blickwinkel einzunehmen. Dies bedeutet unter anderem, immer auch den Kontext des Geschehens mitzudenken und zu betrachten. Dies kann man einerseits auf einer individuellen Ebene tun, zum anderen aber auch auf einer gesellschaftlichen, sozialen und sogar politischen Ebene. Denn man kann noch so lange von persönlicher Resilienz sprechen – wenn gewisse Menschen tatsächlich immer wieder die Erfahrung machen, dass sie weniger Chancen und Möglichkeiten haben und dass das Leben zu ihren Ungunsten spielt: Dann macht das etwas mit ihnen.
Resilienz: unsere reine Privatsache?![]()
Insofern gibt es auch Situationen, in denen ich mich regelrecht ärgere, wenn der Begriff der Resilienz verwendet wird. Und zwar insbesondere dann, wenn er im Kontext der Arbeitswelt bzw. der Berufs(un)fähigkeit auftaucht. Wenn also Arbeitgeber, Krankenkassen, Rentenversicherungen oder ähnliche Institutionen uns weismachen wollen, wir müssten nur bei der Arbeit dreimal pro Stunde tief durchatmen, fleißig unser Rückentraining absolvieren und ganz allgemein gesünder leben – tschakka!! – , damit wir bitte nicht mehr so oft krank oder sogar arbeitsunfähig werden. Dann entsteht bei mir der Eindruck, als wollte man hier lediglich die Folgen ungeeigneter und krankmachender Arbeits- oder gar Lebensbedingungen auf den Einzelnen abwälzen. Sinnlosigkeit oder Einsamkeit bei der Arbeit? Ein generelles Gefühl der Überforderung, angesichts vermehrter Krisen und rasanter technisch-gesellschaftlicher Entwicklungen? Bitte fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Apothekerin.
Eben nicht: „
alles im Griff“
Die gesellschaftliche bzw. politische Seite solcher Emotionen der Hilflosigkeit oder Trauer geht also nicht nur die einzelne Person etwas an, sondern uns als Gesamtes, sofern wir nicht wollen, dass unser Gesundheitsschnellzug irgendwann vollends entgleist. Auf der persönlichen Ebene wiederum denke ich immer wieder mit Dankbarkeit an die inspirierende Aussage einer Fachperson in meinem Umfeld. Diese wehrte sich mit Nachdruck gegen die Vorstellung unserer westlichen Gesellschaft, wir müssten immer alles „im Griff“ haben. Ja, manchmal fühlen wir uns tieftraurig oder hilflos. Manchmal müssen wir auch vor unserem Chef oder vor versammelter Mannschaft weinen und können nicht die „professionelle“ Front wahren, die erwartet wird. Aber wer sagt denn eigentlich, was wann und wo professionell ist? Und wer, dass in unserem Leben Misserfolge, Tiefs und Trauer keinen Platz haben dürfen? Ich jedenfalls möchte mir diesen Gedanken abgewöhnen – um zu einem liebevolleren und menschlicheren Umgang zu gelangen. Sowohl mit meinem Umfeld wie auch mit mir selber. Machen Sie mit?
Herzlichst, Ihre Simone Gysel
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